12.02.2019

Eine Holocaust-Überlebende berichtet

Am 29. Januar erhielt unsere Schule Besuch von Henriette Kretz. Sie kam 1934 in Polen zur Welt, lebt heute in den Antwerpen und gehört zu den jüdischen Menschen, die den Holocaust überlebten.

Henriette Kretz lebte mit ihren Eltern bis zum Einmarsch der Wehrmacht in Polen in behüteten Verhältnissen. Ihr Vater war ein angesehener Arzt und ihre Mutter, eine studierte Anwältin, kümmerte sich liebevoll um ihre Tochter. Henriette bekam zum ersten Mal einen Eindruck von den Kriegsgeschehnissen, als sie verwundete polnische Soldaten auf Lastwagen durch ihren Heimatort fahren sah. Sie konnte sich die bald folgenden Konsequenzen jedoch noch nicht ansatzweise ausmalen. Ihr Vater und ihre Mutter hatten jedoch schon von den antijüdischen Gesetzen in Deutschland gehört und beschlossen zusammen mit ihrer Tochter in den gemäß des Hitler-Stalin Paktes durch die Sowjetunion annektierten Teil Ostpolens zu fliehen. Dort waren sie jedoch nur bis zum Einmarsch der Wehrmacht in Russland im Juni 1941 in vermeintlicher Sicherheit. Die folgenden Jahre sollten für die Familie zu einem dauernden Versteckspiel werden. Nachdem Henriette sich zunächst bei Bekannten ihres Vaters hatte verstecken können, wurde sie dort jedoch durch den Verrat eines Nachbarn von den deutschen Besatzern verhaftet. Man brachte sie ins örtliche Gefängnis, wo vor allem Frauen auf ihren Abtransport in eines der Vernichtungslager warteten. Henriette musste dort miterleben, wie ein gerade entbundenes Baby in die Zelle geworfen wurde. Sie gab den Frauen ihren Mantel, um dem Baby wenigstens etwas Wärme zu spenden. Sie berichtete den Schülern davon, dass sie zu Gott begann zu beten und sich schwor, das Baby für den Fall ihrer Rettung mit in die Freiheit zu schmuggeln. Als dann jedoch eines Tages die Zellentür geöffnet wurde und man ihren Namen rief, vergaß sie vor lauter Freude ihr Vorhaben. Nach dem Krieg sollte sie zu ihrer Freude erfahren, dass das Baby von damals den Krieg überlebt hatte. 

Henriette konnte also das Gefängnis verlassen. Ihr Vater hatte wohl von ihrer Verhaftung erfahren und konnte, obwohl er im örtlichen Ghetto mit den übrigen noch verbliebenen Leidensgenossen zusammengepfercht worden war, über alte Kontakte, ihre Freilassung erwirken. Es waren ebenfalls alte Beziehungen, die ihnen eine weitere Flucht aus dem Ghetto vor einer möglichen Deportation ermöglichten. Die Familie kam so bei einem ukrainischen Feuerwehrmann unter, der sie im Kohlekeller versteckte. Diesen durften sie über Monate nicht verlassen und mussten zumeist in kompletter Dunkelheit in einer gebückten Haltung dort ausharren. Eines Tages teilte ihnen ihr Beschützer mit, dass sie auf den Speicher des Hauses umziehen könnten. Henriette konnte aufgrund der dauerhaft gebückten Haltung kaum noch aufrecht gehen und verspürte einen sofortigen Schwindel. Der Speicher wirkte auf sie geradezu wunderbar, da sie Tageslicht sehen und auch einen Blick in die Freiheit werfen konnte. Die vermeintliche Rettung schien aufgrund des Rückzuges der Wehrmachtstruppen auf breiter Front nahe. Eines Tages jedoch erschienen deutsche Soldaten im Haus und forderten die Herausgabe der jüdischen Familie. Wiederum hatte sie wohl ein Mitwisser verraten.  Die Soldaten gingen auf den Speicher und nahmen Familie Kretz fest. Später erfuhr Henriette, dass ihr Retter aufgrund der geleisteten Hilfe zusammen mit seiner Frau von den Deutschen erschossen worden war. Ihr Vater wusste im Moment der Festnahme genau, dass man sie zu einem Sammelplatz für weitere Transporte in eines der Vernichtungslager bringen würde. Er weigerte sich daraufhin den Soldaten weiter zu folgen und forderte sie dazu auf, sie dann bitte auch hier und jetzt zu erschießen. Henriette schilderte den Schülern, dass der Soldat sich zu ihm umdrehte und ihm erwiderte, dass er seinem Wunsch dann nachkommen werde. Als er die Pistole zog und auf die Familie richten wollte, ergriff Henriettes Vater seine Chance und griff ihn an. Er schrie seiner Tochter zu einfach nur loszulaufen und sich nicht mehr umzudrehen. Dies tat Henriette dann auch. Sie verschwand in die Dunkelheit der Nacht und hörte nur noch zwei Schüsse. Unter anderem vernahm sie noch das Schreien ihrer Mutter und danach nur noch Stille. Innerhalb weniger Sekunden war Henriette zum Waisenkind geworden. Sie konnte den Schülern nicht mehr genau sagen wie lange sie gelaufen war. Irgendwann jedoch legte sie sich im Schutze einer Hecke zum Schlafen. Am nächsten Morgen dann packte sie zunächst die pure Verzweiflung. Sie wusste zunächst nicht wohin sie gehen sollte. Dann aber erinnerte sie sich an ein von Nonnen geführtes Waisenhaus. Dort hatte sie zuvor auch schon für kurze Zeit einen Unterschlupf gefunden. Sie wurde dort aufgenommen und bis zum Einmarsch der roten Armee versteckt. Aus ihrer Familie hatte nur einer ihrer Onkel überlebt. Alle anderen wurden in der Zeit der Besatzung ermordet. 

Fast zwei Stunden stand Frau Kretz vor den ca. 120 Schülerinnen und Schülern der 10. Jahrgangsstufe und erzählte von ihrem Leben, ohne Vorwürfe und Bitternis. Sie sprach davon, wie  Menschen aus ihrem Leben gerissen wurden  und erinnerte an Menschen, die durch ihren Mut Juden in der NS-Zeit das Leben retteten und dabei ihr Leben auf`s Spiel setzten. Sie mahnte gleichzeitig auch dazu, die Augen offen zu halten und sich aktiv gegen Ausgrenzung und Vorurteile einzusetzen. Gerade in der heutigen Zeit sei dies wichtiger denn je. 

Für alle Zuhörenden war es erschütternd und mahnend zugleich und wir danken Frau Kretz, dass sie bei uns war. Die Eindringlichkeit von Zeitzeugenerzählungen, so waren sich im Anschluss an die Veranstaltung die meisten Beteiligten einig, kann kein Geschichtsunterricht je leisten.