02.12.2019

Schüler säubern Grabsteine auf jüdischem Friedhof

Zusammen mit Herrn Gundlach, vom Arbeitskreis jüdisches Bingen und ihrem Lehrer Herrn Marcel Griesang, haben Schüler der Geschichts-AG Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof der Stadt Bingen gereinigt. Bei ihrer Arbeit wurden sie von Mitarbeitern der Stadt Bingen unterstützt. Auch die Handschuhe und übrigen Gerätschaften wurden ihnen zur Verfügung gestellt.


Der Binger Friedhof wurde zum ersten Mal im Jahr 1570 urkundlich erwähnt und weist eine Gesamtlänge von 265 Metern auf. Hier befinden sich über 1000 Grabsteine. Der älteste heute noch lesbare Stein stammt aus dem Jahr 1602. Nachdem man den Friedhof im Jahr 1856 weiter nach Westen vergrößert hatte, wurde in diesem Bereich auch eine Trauerhalle gebaut. Die Spaltung der jüdischen Gemeinde in eine orthodoxe und eine eher liberale Glaubensgemeinschaft, führte auch in der Folge zur Anlegung eines eigenen orthodoxen Friedhofsteils im Süd-Westen. Dieser Bereich wurde sogar durch eine Mauer vom Rest der Anlage abgetrennt. Interessant dabei ist die Tatsache, dass die Mauer nach außen nicht durchgängig eine gewisse Höhe aufweist, sondern an einer Stelle nur etwa einen Meter hoch ist. Dieser Umstand ist damit zu erklären, dass vor allem orthodoxe Juden einen Friedhof nicht gerne betreten. Für sie ist es ein „negativ“ belasteter Ort. Um aber trotzdem bei Begräbnissen und zum Gebet diesen Ort aufzusuchen, wurde eine Möglichkeit geschaffen, von außerhalb wichtige Rituale in Sichtweite des Geschehens zu vollziehen.


Die Mauer auf dem Friedhof selbst wurde nach der Annäherung der beiden Gemeinden im Jahr 1925 wieder beseitigt. Man ging sogar dazu über, unterhalb des orthodoxen Friedhofsteils gemeinsame Bestattungen durchzuführen. Heute findet man eine weitere Ebene unter diesem Bereich, der noch heute für Bestattungen genutzt wird.
Die Schüler waren mit großem Interesse und Eifer bei der Arbeit. Besonderes Augenmerk zog ein Grab eines im 1. Weltkrieg eingesetzten Soldaten auf sich. Dieses Grab ziert eine Pickelhaube und der Name des damaligen Truppenteils des Soldaten. Der hier bestattete ehemalige Soldat, musste offensichtlich sehr stolz auf seinen Militärdienst in der damaligen kaiserlichen Armee gewesen sein. Zu dieser Annahme passt, dass sich viele ehemalige jüdische Soldaten bis zu ihrer Deportation 1942 beharrlich geweigert hatten Deutschland zu verlassen, da sie im 1. Weltkrieg für ihr Vaterland ihr Leben riskiert hatten. Jedoch hatten sie sich schon vor der Zeit des Nationalsozialismus Anfeindungen gefallen lassen müssen, da es schon kurz nach dem Ende des 1. Weltkriegs Untersuchungen gab, die belegen sollten, dass jüdische Soldaten sich vor dem Kriegsdienst gedrückt hätten. Natürlich führten diese Untersuchungen für ihre Initiatoren zu einem unbefriedigten Ergebnis.
Außerdem sahen die beteiligten Schüler bei ihrer Tätigkeit noch den Löwenkopf, der sich früher über dem Eingang der Synagoge in der Rochusstraße befunden hatte. Diesen hatten Nationalsozialisten in der Reichspogromnacht 1938 abgeschlagen und im Anschluss die Synagoge geschändet. Bis heute liegt dieses Zeugnis der früheren jüdischen Gemeinde auf dem Friedhof im Bereich des Eingangs.
Im Rahmen der Schulkooperation mit dem Arbeitskreis jüdisches Bingen werden sich Schüler der Geschichts-AG in regelmäßigen Abständen zusammen mit Mitarbeitern der Stadt um die Pflege des jüdischen Friedhofs kümmern und zum Erhalt dieses einmaligen Kulturgut beitragen.

Text: Marcel Griesang