08.01.2020

Zeitzeuge zu Gast an der Rochus-Realschule Bingen

Etwa 100 Schüler der 9. Klasse Berufsreife  und 10. Klassen hatten die Gelegenheit der Lebensgeschichte von Herrn Dr. Heidecker aus Bingen zuzuhören. Herr Dr. Heidecker wurde 1927 in der schlesischen Stadt Glogau geboren. Dort wuchs er als Sohn eines Ärzteehepaares auf. Das Zusammenleben mit den jüdischen Einwohnern beschrieb er den Schülern als sehr harmonisch. Viele jüdische Familien hatten einen ausgezeichneten Ruf und die jüdische Gemeinde im Gesamten gesehen einen großen Anteil am wirtschaftlichen Aufschwung der Stadt. So war eine außergewöhnlich hohe Zahl der Anwälte und Ärzte jüdischen Glaubens. Auch große Warenhäuser befanden sich in Händen jüdischer Familien.

Das Klima, so Herr Dr. Heidecker, änderte sich dann jedoch mit Machtantritt der Nationalsozialisten. Im Jahr 1934 sah er eine Gruppe Jugendlicher in blauen Uniformen durch die Straßen Glogaus ziehen. Als er seine Mutter fragte, wer diese denn seien, erwiderte sie ihm, dass es sich um eine Gruppe jüdischer Pfadfinder unter der Leitung des Lungenarztes Dr. Lindemann handele. Dieser war als Arzt sehr anerkannt und im Ort und weit darüber hinaus sehr beliebt gewesen. Ein Jahr später, Ende 1934, fragte die Mutter, ob sich ihr Sohn noch an Dr. Lindemann erinnern könne, denn dieser sei von Nationalsozialisten in den Wald gelockt und dort im Rahmen der Morde in Verbindung mit dem angeblichen Putschversuch der SA unter Ernst Röhm ermordet worden.

Auch von den Tätigkeiten der sogenannten Euthanasiemorde wusste der ehemalige Chef der chirurgischen Abteilung des Binger Krankenhauses den anwesenden Schülern zu berichten. So führte er aus, dass er als Junge auf dem Fahrrad Schriften der hohen Geistlichen der katholischen Kirche, wie etwa Clemens August von Galen, ausfuhr, in denen diese die Morde an Menschen mit Behinderungen anprangerten. Im vorherrschenden Klima der Angst, das auf die strengen Gesetze und die permanente Bespitzelung der Nazis zurückzuführen war, traute man sich nicht mehr diese offen zu verteilen.

Eine weitere Erinnerung Herr Dr. Heideckers hatte etwas mit den Geschehnissen im Rahmen der sogenannten Reichspogromnacht zu tun. Damals wurde ihnen in der Schule verboten zur Synagoge zu gehen. Diese stand zu diesem Zeitpunkt schon in Flammen. Die Nationalsozialisten, so der Zeitzeuge, wollten den Bürgern damals vorgaukeln, dass sich in diesen Tagen der Volkszorn gegen die jüdische Bevölkerung angeblich spontan ausgebreitet hatte. Dass dies nicht stimmte, war ihm jedoch auch als Jugendlicher direkt bewusst. So wusste die Mutter seines Freundes, die im unmittelbar neben der Synagoge gelegenen katholischen Krankenhaus wegen einer OP verweilte, den Jungen zu berichten, dass die Feuerwehr bereits Tage zuvor Brandschutzübungen durchgeführt hatte. Diese sollten verhindern, dass bei einer Brandlegung das Krankenhaus mit in Flammen aufging.

Eine weitere Begebenheit hatte auch mit den schrecklichen Tagen im November 1938 zu tun. Zu dieser Zeit schauten sich seine Eltern die Villa des jüdischen Rechtsanwalts Dr. Sally                   Jakobsohn an, da dieser sie zum Verkauf angeboten hatte. Dr. Heidecker konnte dabei hören, wie der Rechtsanwalt seinen Eltern die näheren Beweggründe für seine Entscheidung darlegte. Dieser hatte demzufolge abends Besuch von angeblichen Klienten erhalten. Das Klopfen an der Tür war für ihn zunächst nichts Ungewöhnliches gewesen, da er ein kleines Büro in seiner Villa unterhielt. Als er aber ohne Hintergedanken die Tür öffnete, drängten ihn die Besucher direkt in die Wohnung und begonnen ihn zu bedrohen und zu schlagen. Für den Rechtsanwalt war dies ein Ereignis, das ihm klar vor Augen führte, dass er und seine Familie Deutschland so schnell wie möglich verlassen mussten, bevor noch etwas Schlimmeres geschehen würde.

Von einem „schönen“ Ereignis, in Zeiten in denen es eigentlich Hohn ist von einem solchen zu sprechen, wusste er bezüglich seiner Eltern zu berichten. Diese waren, wie bereits erwähnt, beide als Ärzte tätig und gegen die Nationalsozialisten. So behandelten sie noch bis zum Schluss die zu diesem Zeitpunkt schon in sogenannten Judenhäusern eingesperrten jüdischen Bewohner Glogaus. Die Dankbarkeit gegenüber seinen Eltern war daher noch nach dem Krieg so groß, dass eine der früheren Patientinnen sich nach dem Krieg, nachdem sie das Martyrium diverser Konzentrationslager überstanden hatte, auf die Suche nach seiner Mutter machte, nur um ihr ihren Dank mitzuteilen.

Herr Dr. Heidecker unterstrich am Ende des 1. Teils seiner Ausführungen welch enormer geistiger und kultureller Verlust Deutschland durch die nahezu vollständige Vernichtung der jüdischen Bevölkerung widerfahren sei. So befanden sich alleine unter 14 schlesischen Nobelpreisträgern 6 jüdischen Glaubens. Auch einer der führendsten Ärzte im Bereich der Arbeit mit querschnittsgelähmten Menschen, Herr Dr. Johannes Guttmann, hatte Deutschland aufgrund seines Glaubens und der Zerstörung seiner Existenz verlassen müssen. Später dann trug er in England dazu bei, dass Menschen die bis zu diesem Zeitpunkt als hoffnungslose Fälle abgestempelt wurden, in erster Linie gelähmte englische Soldaten, wieder ein lebenswertes Leben führen konnten.

Ein zweiter Teil des Vortrags von Herrn Dr. Heidecker befasste sich mit seinen Erfahrungen als Flakhelfer bei der Luftwaffe und schließlich als Soldat bei der Wehrmacht.

Zuvor berichtete er den Jugendlichen noch davon, dass es zur damaligen Zeit unmöglich war sich den nationalsozialistischen Organisationen komplett zu entziehen. So kam es auch dazu, dass er, der streng gläubige Katholik, eines Tages auch ohne es zunächst zu realisieren der HJ beigetreten war. Dies spielte sich so ab. Am Morgen betrat der Lehrer die Klasse und forderte die Jugendlichen dazu auf ein Dokument zu unterzeichnen. Er teilte es den Schülern ohne weiteren Kommentar aus. Als die Schüler seiner Aufforderung nachgekommen waren, sammelte er die Papiere wieder ein und teilte seiner Klasse mit, dass sie nun alle Mitglieder der Hitlerjugend im Jungvolk seien.

Um sich den Heimatabenden und Aktionen so oft wie möglich zu entziehen, unternahmen seine Eltern vor allem an den Wochenenden viel mit den Kindern. So hatte er dann auch eine Ausrede für das Fernbleiben. Eine kleine Strafe drohte ihm jedoch in Form des Tadels durch den Lehrer, der jeden Montag nach den HJ relevanten Tätigkeiten am Wochenende fragte.

Dass es kaum möglich war Widerstand zu leisten, hatte Herr Dr. Heidecker den Jugendlichen bereits zuvor dargelegt. Jedoch wusste er auch davon zu berichten, dass man trotzdem Wege zur Äußerung des Unmutes suchte. So wurden sie eines Tages alle zu einer Kundgebung eines hohen Nationalsozialisten versammelt. Doch anstatt ihm zuzuhören, skandierten sie über eine Stunde lang den Ausruf „heil“. Auch wenn dem Redner und den beteiligten Personen dies als eine Art Sabotageaktion erscheinen musste, konnten sie die Jungen aus zweierlei Gründen, so Herr Dr. Heidecker, im Nachhinein nicht bestrafen. Zum einen waren sie zu viele Jugendliche gewesen und zum anderen hatten sie ja laut ihrer Aussage nach nur ihre Begeisterung für den Führer Adolf Hitler zum Ausdruck gebracht.

In der Hitlerjugend kam Herr Dr. Heidecker dann zum Verband der Scheren. Diese waren eine Art Sanitätsabteilung. Andere Jugendliche gingen entweder zur Motor, der Flieger oder der Marine HJ. Alle Abteilungen sollten die Jugendlichen auf eine spielerische Art auf den zukünftigen Kriegseinsatz und den Kampf vorbereiten. Für Herrn Dr. Heidecker war diese Abteilung ein Glücksgriff, denn da er der einzige mit dieser Qualifikation war, konnte er sich die Einsätze selbst einteilen. Auf diese Weise konnte er sich den allgemeinen HJ Schulungsveranstaltungen noch mehr entziehen.

1943 dann wurde er als Flakhelfer zur Abwehr feindlicher Flieger nach Stettin abgeordnet. Dort erhielt er auch noch weitestgehend geordneten Unterricht, was ihm nach dem Krieg sehr helfen sollte. Der Lehrer, den er als einen seiner besten im gesamten unterrichtlichen Werdegang bezeichnete, stellte ihm am Ende der gemeinsamen Zeit nämlich die allgemeine Reife aus. Dieses Dokument, das seine Mutter während den Wirren der Flucht aus Schlesien am Kriegsende zusammen mit seinen übrigen Zeugnissen retten sollte, ermöglichte ihm nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft die Aufnahme eines Medizinstudiums. Ohne diese Zeugnisse wäre dieser Weg ihm womöglich verwehrt geblieben.

Anfang 1945 wurde er dann zum Militärdienst eingezogen. Die daran anschließenden Monate sollten sehr chaotisch werden. Nach nur drei Wochen, in denen die Jugendlichen an Gewehren und Geschützen ausgebildet worden waren, sollten sie schon in den Einsatz. Man schickte sie von einem Ort zum anderen ohne einen genauen Plan. Das viele Marschieren in nicht passenden Stiefeln führte dazu, dass Dr. Heidecker kaum noch laufen konnte. Daher war er erleichtert, als er eines Tages auf ein Pferdefuhrwerk klettern konnte, um somit seine Füße zu entlasten. Die Freude über die Erleichterung sollte jedoch nur von kurzer Dauer sein, denn plötzlich sah er von weitem eine Gruppe von amerikanischen Tieffliegern auf einen entlang der nahgelegenen Straße marschierenden Treck von Soldaten und Flüchtlingen zusteuern. Während sich seine Kameraden in die umliegenden Gräben warfen, verharrte er wie in Schockstarre auf dem Pferdewagen. Plötzliche scherte einer der Flieger aus und steuerte in direkter Linie auf ihn zu. Herr Dr. Heidecker blickte geradewegs in die Maschinengewehre des Flugzeuges. In diesem Moment war er sich eigentlich sicher zu sterben. Er haderte noch mit seiner Entscheidung nicht auch in den Graben gesprungen zu sein, als das Flugzeug das Feuer auf ihn eröffnete. In diesem Moment hörte er laut und deutlich die biblischen Worte „Ob tausend fallen zu deiner Seite und zehntausend zu deiner Rechten, so wird es doch dich nicht treffen“. An seinem Arm spürte er gleichzeitig den Hauch einer Patrone, die am oberen Ende seiner Uniform wieder austrat. Als er die Augen wieder öffnete, war das Flugzeug schon abgedreht und ihm nichts geschehen. Die dem Wagen angespannten Pferde hingegen, waren von den Salven der Maschinengewehre durchlöchert worden. Für Herrn Dr. Heidecker war diese Erfahrung der Beweis für die Existenz Gottes gewesen, der ihn durch die biblischen Worte vor dem sicheren Tod bewahrt hatte.

Die letzten Schüsse, die er im Krieg abfeuerte, wird Herr Dr. Heidecker ebenfalls niemals vergessen. Diese waren das Ehrensalut für von den Amerikanern erschossene deutsche Soldaten. Diese hatten die Amerikaner als Vergeltung für einen deutschen Angriff aus dem Hinterhalt hingerichtet. Unter ihnen befand sich auch ein Dr. Heidecker bekanntes Brüderpaar. Noch heute, das konnten die Jugendlichen an seiner Stimme einige Male im Verlauf der Ausführungen  erahnen, nehmen diese Erfahrungen den Zeitzeugen emotional sehr mit.

Am Ende des Krieges, genauer gesagt am Tag der Kapitulation am 8. Mai, kam Herr Dr. Heidecker dann in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Zuvor hatte man ihm alles was er noch in seinen Taschen oder im Rucksack hatte abgenommen. Er besaß noch nicht einmal mehr ein zweites Paar Unterwäsche und es sollten über 8 Wochen vergehen bis er diese wieder wechseln konnte. Die Zustände auf den sogenannten Rheinwiesen, wo 1945 tausende Soldaten zusammengepfercht waren, beschrieb er als schrecklich.

Ein zweites für ihn und seinen Glauben an Gott wichtiges Ereignis ereignete sich nach seiner Entlassung aus der Gefangenschaft. Er hatte sich in der Hoffnung seine Mutter zu treffen nach Süddeutschland begeben. Sein Vater war zu diesem Zeitpunkt seines Wissens nach in der sowjetischen Zone. Daher hatte er die Hoffnung auf ein baldiges Zusammentreffen mit ihm aufgegeben. Als er dann nach Regensburg kam, um von dort aus weiter seiner Mutter entgegen zu reisen, konnte er seinen Augen nicht glauben, als ihm seine Eltern begegneten. Es dauerte sogar eine Weile bis er seinen Vater als solchen erkannte. Das Schicksal hatte es seinen Eltern noch einmal ermöglicht, sich trotz der aufkommenden Streitigkeiten zwischen den Siegermächten und den generellen chaotischen Umständen der unmittelbaren Nachkriegsmonate zu treffen. Wäre Herr Dr. Heidecker wenige Minuten später in Regensburg angekommen, hätte er seinen Vater verpasst. Auch dieser schier unglaubliche Zufall bestärkte ihn in seinem Glauben.

Nach annährend 3 Stunden beendete der Zeitzeuge seine Ausführungen. Die anwesenden Schüler hatten ihm während der gesamten Dauer seines Berichtes mit großem Interesse zugehört. Wie gefesselt sie von seinen Schilderungen waren, zeigten auch die vielen tiefergehenden Fragen, die ihm noch gestellt wurden. Hiervon sei nur eine hervorgehoben. Eine Schülerin wollte von Herrn Dr. Heidcker wissen, wie er nach dem Krieg die traumatischen Erlebnisse verarbeitet habe. Der Zeitzeuge erwiderte daraufhin, dass auch dabei ihm sein Glaube an Gott half. Ohne diesen hätte er wohl ein normales Leben nicht mehr führen können.

An diesem Punkt sei auch Herrn Gundlach vom Arbeitskreis Jüdisches Bingen recht herzlich gedankt, der diese Begegnung mit Herrn Dr. Heidecker im Rahmen der Zusammenarbeit mit der Geschichts-AG ermöglicht hatte.

Alle am Gespräch beteiligten Schüler werden die Ausführungen Herrn Dr. Heideckers definitiv nicht mehr vergessen und für sich hoffentlich wichtige Rückschlüsse in der Zukunft ziehen.