28.01.2020

Schüler setzen Zeichen gegen das Vergessen und reinigen Stolpersteine in Bingen

Schüler setzen Zeichen gegen das Vergessen und reinigen Stolpersteine in Bingen
Am 27. Januar 1945 wurde das Lager Auschwitz-Birkenau, dessen Name wohl mehr als alles andere für die Grauen und Verbrechen der Nationalsozialisten steht, von der Roten Armee befreit. Zuvor hatten die SS Schergen noch tausende Menschen auf Todesmärsche und wiederum andere zum Sterben im Lager zurückgelassen. Der Tag der Befreiung des Lagers sollte später dann zum offiziellen Erinnerungstag an die Opfer der Naziherrschaft werden. Um die Geschehnisse von damals nicht in Vergessenheit geraten zu lassen und ein aktives Zeichen gegen neuerlichen Rassismus und Antisemitismus zu setzen, begaben sich einige Schüler der Geschichts-AG an die ehemaligen Wohnhäuser jüdischer Binger-Bürger, um die dort zu ihrem Gedenken verlegten Stolpersteine zu reinigen.


Die Stolpersteine wurden dabei bewusst gewählt, da die Schüler in den vergangenen Monaten sich mit einigen Schicksalen ehemaliger jüdischer Bürger Bingens auseinandergesetzt hatten, um ihnen im Rahmen einer schuleigenen Ausstellung ein Gedenken zu setzen. Dabei wurde für fünfzehn Personen ein „Erinnerungskasten“ gestaltet, wobei für jedes Lebensjahr ein farbiger Holzwürfel gestaltet wurde. Die Farben sind den jeweiligen Lebensphasen der Person zugeordnet. So steht die Farbe weiß für die ersten sieben Lebensjahre, in denen man noch ein „unbeschriebenes Blatt“ ist und sich vollkommen frei entwickelt. Daran schließt sich die Farbe rosa an, die für die Pubertät und stärkere Entwicklungen steht. Weitere Farben sind dann rot, blau, grau und schwarz. Die Ausstellung, die unter dem Namen „Gelebtes Leben – geraubtes Leben“ läuft, wird im Rahmen der Feierlichkeiten zur Ernennung zur „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ eröffnet werden. Die Ideen zur Ausstellung hatten sich die Schüler zusammen mit ihrem begleitenden Lehrer, Herr Marcel Griesang, von der Hunsrücker Künstlerin Frau Jutta Christ geholt.
Einer der am 27. Januar gereinigten Steine erinnert an Ida Dehmel. Ida Dehmel wurde am 14. Januar 1870 geboren. Sie stammte aus einer alt eingesessenen Binger Winzerfamilie. Später sollte sie sich aktiv für Frauenrechte einsetzen. Nachdem ihr Sohn 1917 im Ersten Weltkrieg gefallen war und sie der nächste Schicksalsschlag mit dem frühen Tod ihres Mannes im Jahr 1920 ereilt hatte, intensivierte sie ihren Kampf für mehr Frauenrechte noch. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten sah sie sich dann auch massiven Einschränkungen ausgesetzt. Dies führte dazu, dass sie im Jahr 1942, als die Deportationen in den Osten einsetzten, keinen anderen Ausweg mehr als den Freitod für sich sah.


Außerdem reinigten die Schüler den Stolperstein von Sophie Münzer, die am 16. Juli 1871 geboren wurde. Sophie Münzer hatte 1918 kurz vor Ende des Krieges ihren Sohn im Reservelazarett aufgrund einer erlittenen Kriegsverletzung verloren. Ihr zweiter Sohn wurde 1938 im Anschluss an die Reichspogromnacht verhaftet und ins Konzentrationslager nach Buchenwald gebracht. Obwohl er eine niedrige Wartenummer für die Ausreise nach Amerika besaß, schließlich hatte er sich nach den Ereignissen des Jahres 1938 um eine Ausreise bemüht, wurde er 1942 nach Piask in Polen deportiert. Sein weiterer Leidensweg ist nicht bekannt. Sophie Münzer wurde ebenfalls 1942 ins Lager Theresienstadt deportiert. Ihr Name findet sich auf einer Transportliste des Jahres 1944 ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau.
Nachdem die Schüler auch die Stolpersteine des Ehepaares Paul und Paula Steinberg gereinigt hatten, begaben sie sich zum letzten an diesem Tag zu reinigenden Erinnerungsstein. Simon Berg wurde im Jahr 1869 in Weiler geboren und hatte vier Kinder. Während sein Sohn Walter es schaffte nach Amerika zu emigrieren, kamen zwei seiner drei Töchter in den Todeslagern im Osten ums Leben. Er selbst wurde 1942 in einem der sogenannten Judenhäuser in Bingen untergebracht. Dort pferchten die Nationalsozialisten die noch verbliebenen jüdischen Bürger ein, um in der Zwischenzeit ihre ursprünglichen Wohnungen und Habseligkeiten zu plündern und weiterzuverkaufen. Außerdem konnten sie sie so besser für die bald anstehenden Deportationen überwachen. Simon Berg wurde schließlich am 27. September 1942 nach Theresienstadt deportiert. Dieses Lager versuchten die Nationalsozialisten als jüdische Mustersiedlung der Welt zu verkaufen. Heinrich Himmler, der Chef der SS, hatte hier sogar das internationale rote Kreuz einbestellt, um ihnen dieses „vorbildlich“ geführte Lager zu präsentieren. Natürlich hatte man für diesen Tag das Lager herausgeputzt und den „Besuchern“ nur wohl genährte Menschen und sogar einen Kinderspielplatz gezeigt. Wie schlimm die Umstände im Lager jedoch in Wirklichkeit waren, zeigt der Umstand, dass Simon Berg am 27. April 1944 dort als verstorben gemeldet wurde.


Die Schüler waren trotz der kalten Witterung mit vollem Elan bei den Reinigungsarbeiten zugange und befanden im Anschluss einstimmig, dass die Pflege der in Bingen verlegten Stolpersteine regelmäßig in der Zukunft stattfinden wird. Ihrer Meinung nach ist die Erinnerung an die damaligen Geschehnisse nicht mit der einmaligen Verlegung der Stolpersteine abgetan, sondern diese muss, zum Beispiel durch die Reinigung der Steine und der Thematisierung der Schicksale, aktiv gelebt werden, um einen wirklichen Nutzen zu besitzen.