23.07.2015

Flüchtlinge besuchen Rochus-Realschule plus

Dominique Gillebeert, Leiterin des Büros für Migration und Integration in Ingelheim, sowie zwei Menschen, die vor kurzem als Flüchtlinge nach Deutschland kamen, besuchten im Rahmen des Projektes "Flucht und Freiheit" die Klassen 6f und 10a der Rochus-Realschule plus mit FOS in Bingen. Die Zehntklässler hatten im Unterricht den Roman "Kinshasa Dreams" von Anna Kushnarowa gelesen, der die Flucht eines Jungen aus dem Kongo nach Europa zum Thema hat. Die 16-Jährigen hatten sich intensiv mit dem Schicksal dieser Figur, aber auch mit der Flüchtlingsthematik allgemein auseinandergesetzt. Sie hatten Lesetagebücher geschrieben, Dokumentarfilme über jugendliche Flüchtlinge in Afrika gesehen und das Stück "Deportation Cast" im Mainzer Staatstheater besucht. Das Treffen mit Roula Nissan und Kedir Abrar in der Schule war ein weiterer Baustein, der die Binger Jugendlichen für das Schicksal der weltweit knapp 60 Millionen Flüchtlinge sensibilisieren sollte.

Insbesondere das Schicksal des 21-jährigen Kedir aus Eritrea ließ die Zehntklässler auch nach der Veranstaltung nicht mehr los. Als er so alt war wie sie, wurde er für acht Monate ins Gefängnis gesperrt, weil er Menschen an der äthiopischen Grenze mit Wasser versorgt hatte. Danach floh er aus seiner Heimat in den Sudan, zu einem Onkel, von wo aus er die Reise nach Europa antrat. Für viel Geld wurde er mit Hilfe von Schleppern durch die Wüste nach Lybien geleitet: Auf LKWs und zu Fuß - tagelang unter sengender Hitze und ohne viel Wasser. Dann kam die Fahrt über das Mittelmeer in einem kleinen Boot mit mehreren hundert Menschen darauf. Nach 18 Stunden wurden sie von der italienischen Küstenwache aufgegriffen und nach Sizilien gebracht. Dort entzog er sich der Internierung und floh über Frankreich bis nach Deutschland. Seit einem Jahr ist er nun hier und hat das erste von zwei Interviews mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hinter sich. Er lebt inzwischen in Ober-Hilbersheim, besucht einen Deutschkurs und hofft auf eine Aufenthaltserlaubnis. Er würde gern eine Ausbidlung zum Elektriker machen. Auch die Schülerinnen und Schüler der 10a stehen an der Schwelle zur Berufsausbildung, aber ihnen ist klar, wie viel leichter sie es im Vergleich zu Kedir haben und hatten. Er hat eine ungewisse Zukunft, kaum Kontakt zu seiner Familie und ist seit Jahren allein auf der Flucht durch die halbe Welt gewesen. Dennoch machte er einen gefassten Eindruck und sprach offen über Wünsche und Träume. Auch sein Lächeln bewies den Schülern, dass er ähnlich wie die Figur im Roman "Kinshasa Dreams" an sich glaubt und für sein Glück kämpfen wird.

Roula Nissan kam vor eineinhalb Jahren mit Mann und zwei Kindern aus Syrien nach Deutschland. Als der Krieg in ihrer Heimat begann, war sie gerade in der Ausbildung zur Englischlehrerin. Als die Kämpfe näher rückten, flüchtete sie in den Libanon und bewarb sich dort um vier der 20.000 Plätze in Deutschland für Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien. Als der Anruf kam und klar wurde, dass sie ausgewählt worden waren, spürte sie pure Erleichterung. Frau Nissan, die kein Deutsch konnte, als sie ankam, kann sich inzwischen hervorragend verständigen. Ihre Kinder besuchen den Kindergarten und die Grundschule in Heidesheim, wo sie nun auch leben. Ihr Dorf in Syrien ist inzwischen zerstört, die Menschen, die sie dort kannte, in der ganzen Welt zerstreut. Mit den Kindern spricht sie Aramäisch und Deutsch, aber für die Kleinen wird die Muttersprache ihrer Eltern zunehmend zur Zweitsprache. Sie wollen sich integrieren, dazugehören und das gelingt vor allem, je besser man die Sprache des Landes spricht, in dem man lebt. Lediglich die Süßigkeiten sind denn auch etwas, das dem Vergleich mit der Heimat einfach nicht standhält. Die machen sie dann doch lieber selbst. Nicht nur bei diesem Thema fragten die Schülerinnen und Schüler der 6f Frau Nissan Löcher in den Bauch. Sie ließen sich arabische Schriftzeichen erklären, verfolgten den Fluchtweg aus Syrien auf der Landkarte und bedankten sich aus ganzem Herzen für den Besuch, der ihnen noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Text: Anke Eisermann